Tech for Future: Klimaschutz ist mehr als nur schlechtes Gewissen

March 11, 2020
Aya Jaff

In meiner neuen Kolumne „Tech for Future“ schreibe ich bei t3n darüber, warum Technologie allein die Welt nicht retten wird. Ich plädiere dafür, die Politik mehr in die Pflicht zu nehmen.

2019 wurde der Samen für klimabewusstes Handeln in vielen Köpfen gesetzt. Wir sind auf die Straßen gegangen, haben beim Klimapaket mitgefiebert und unser eigenes Leben (die einen mehr, die anderen weniger) verändert. In meinem Freundeskreis, besser gesagt meiner Generation ist nun jeder ein kleine/r Klimaaktivist/in und rettet die Umwelt one Plastic Bag at a Time. Wir analysieren unseren eigenen Wirkungsgrad akribisch und versuchen, unser Handeln so zu ändern, dass wir keinen weiteren Schaden verursachen. Wir verzichten immer mehr auf Fleisch und kämpfen dafür, umweltschädliche Produkte verbieten zu lassen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber 2019 ist für mich das Jahr, in dem sich unser Denken verändert hat, die Basis einer Bewegung für eine grünere Zukunft. Alleine deswegen ist es für mich wichtig, dass jeder sich individuell mit der Reduzierung seines CO2-Fußabdrucks beschäftigt.

Genügen technische Lösungen?

Nicht selten haben wir technische Lösungen für die verschiedensten Probleme herangezogen. Auf wie vielen Panels saß ich dieses Jahr, wo es um den Umstieg auf Elektroautos und Flugzeuge ging, oder darum, wie wir Plastik effektiv aus den Meeren fischen können. Nicht zu vergessen die 1.000 Siegel, die wir mithilfe von Apps auf Verpackungen suchen können, um umweltfreundlich zu konsumieren. All das sind tolle Ideen, die meinen Wirkungsgrad erhöhen und mir helfen, meine CO2-Emissionen noch mehr zu kontrollieren. Doch Fakt ist: Auch mit einem Elektroauto benutze ich noch umweltschädliche Batterien und stehe dabei im Stau, wir spülen immer noch mehr Plastik in die Meere, als wir rausfischen, und wir Konsumenten sind zu faul und bequem, um uns eine App runterzuladen, geschweige denn, damit jedes Produkt zu scannen.

Was ich im Moment noch viel zu selten sehe, sind Menschen, die den großen Zusammenhang zwischen den wirklich großen Emittenten von CO2 und der Politik erkennen – denn nur wenn wir das verstehen, können wir das Problem an der Wurzel packen. Ich finde es schade, dass die erfolgreichsten Startups im Moment durch die Einflussnahme auf das Kundenverhalten, das Klima retten wollen – das suggeriert nämlich, dass die Last und die Verantwortung alleine auf unseren Schultern lastet. Wir könnten das Klima retten, wenn wir uns nur täglich richtig entscheiden würden im Supermarkt, beim Shoppen oder bei der Wahl der Transportmittel. Wir könnten das Klima retten, wenn wir (unter anderem mithilfe dieser Startups) unseren eigenen Wirkungsgrad erweitern könnten! Doch ist das so?

Die Schuld liegt nicht (nur) beim Einzelnen

Wie der Verteidigungsrat für natürliche Ressourcen (NRDC) im Februar 2019 feststellte, sind große Unternehmen weitgehend für den Klimawandel verantwortlich. Laut einem CDP-Bericht (ehemals Carbon Disclosure Project) sind 100 Energieunternehmen für 71 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Manche Dinge müssen wir also anders angehen. Anstatt uns zu den Alleinschuldigen erklären zu lassen, könnten wir uns wieder auf die Forderungen des Pariser Abkommens besinnen.

Mit „uns“ meine ich auch die unglaublich schlauen Leute, die sich im Moment in kleinerem Ausmaß im Namen des Klimawandels mit Problemen in der Tech-Startup-Welt beschäftigen. Natürlich ist jeder Schritt Richtung Nachhaltigkeit richtig und gut, aber nur wir alleine als Einzelpersonen schaffen es nicht, den Klimawandel aufzuhalten. Umweltaktivisten legen uns nahe, dass jeder Einzelne mit seinem Konsumverhalten seinen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten kann.

Hier nur einmal zur Einordnung, wie viel Einfluss unser Handeln hat: Wenn die Flüge für jährlich rund 4,5 Milliarden Fluggäste bis zum Jahr 2100 entfallen würden, würden die Temperaturen nur um 0,03 Grad gesenkt werden. Vegetarismus ist ebenfalls nicht die (einzig wahre) Lösung. Vegetarier reduzieren ihre persönlichen Emissionen durch ihren Fleischverzicht um rund zwei Prozent. Und auch Elektroautos sind nicht die Lösung: Selbst wenn weltweit 130 Millionen E-Autos unterwegs wären (aktuell sind es etwa fünf Millionen), würden laut der internationalen Energieagentur die Emissionen von CO2-Äquivalenten um lediglich 0,4 Prozent sinken.

Die Politik muss vorangehen

Wie man sieht, ist unser nachhaltiges Handeln nur ein kleiner Teil des großen Ganzen, wenn nicht auch die großen Unternehmen am selben Strang ziehen. Ich finde, dass hier mehr vonseiten der Regierung kommen muss und sie eine klare Führungsrolle in dieser Klimadebatte einzunehmen hat. Der Wirtschaftsnobelpreisträger 2018 William Nordhaus hat uns doch gezeigt: Eine Kohlendioxidsteuer kann beispielsweise eine begrenzte, aber wichtige Rolle spielen. Die Einführung einer moderaten, aber steigenden globalen CO2-Steuer kann einige der schädlichsten Klimawirkungen zu relativ geringen Kosten realistisch reduzieren.

Ich bin voller Hoffnung, dass wir das schaffen. Unsere Existenz hängt davon ab. Auch die vergangenen Herausforderungen haben wir gemeinsam lösen können – durch Innovation. Wir sollten die Ausgaben für Forschung und Entwicklung grüner Technologien drastisch erhöhen, damit wir mehr interessante Ideen in den großen Energieunternehmen sehen, aber auch in den Startups und Universitäten. Lasst uns den Blick nicht nur auf uns richten, sondern ganz klar auch die Regierung mutig in die Verantwortung ziehen. Unser persönliches schlechtes Gewissen gegenüber der Umwelt dürfen wir nicht von der Wirtschaft instrumentalisieren lassen. Deswegen geht meine Generation auch weiterhin auf die Straße und demonstriert lauthals für ein besseres Klimapaket. Zu Recht!